Testbericht Phono1 von Dirk Sommer, Image-Hi Fi 33, Analog Spezial,

Zumindest wenn es um Elektronik geht, zählt Progressive Audio zu den Newcomern auf der Szene.
Und dennoch habe ich mit hochgesteckten Erwartungen dem Eintreffen des Phono 1 entgegengefiebert – und zwar deshalb, weil Firmenchef Ralf Koenen das Allaerts MC 2 Finish ebenso schätzt wie ich.

Das Topmodell des belgischen Tonabnehmerspezialisten bietet nämlich nicht nur klanglich Besonderes, sondern geizt leider auch ganz extrem mit seiner Ausgangsspannung. Bei fast allen mir bekannten Phonostufen liegt deshalb da s Rauschen der Elektronik zumindest leicht über dem, was die Nadel in Leerrillen aufs pürt. Lediglich Levinsons 25S, die große FM Acoustic und Jeff Rowlands Cade nce erlaubten bisher einen uneingeschränkten Musikgenuss mit dem MC 2 Finish. Und den Etablierten will es Progressive Audio nun gleich mit seinem ersten Wurf gleichtun.

Ralf Koenen beschäftigt sich hauptberuflich mit Hochfrequenztechnik, seine Liebe zur Musik im Allgemeinen und zu Opern im Besonderen brachte ihn dann aber zu Wellen niedrigerer Schwingungszahl. 1997 gründete er seine Firma, die mit dem Lautsprecher Diablo erste Anerkennung - und Kunden - gewann und heute fünf (Teilzeit-)Mitarbeiter beschäftigt.

Progressive Audio ist übrigens inmitten jener Region beheimatet, die Kollege Gelking -danke, Heinz! - im letzten Image-hifi geradezu hymnisch besang: dem Ruhrgebiet.
Inzwischen umfasst das progressive Programm eine weitere, erschwinglichere Box, die auf den Namen Elise getauft wurde, sowie den Phonoentzerrer und einen D/A-Wandler. Ein Vorverstärker ist zumindest bis zum Prototype n-Stadium gediehen. Und man braucht kein Prophet zu sein um vorherzusagen, dass sich Ralf Koenen und sein Team bald dem Thema Endstufe zuwenden werden - und dass die Verstärker im Class-A-Betrieb einige Watt verheizen werden.
Bereits die beiden - sehr solide gefertigten - schwarzen Kistchen zur Aufbereitung der Phonosignale werden nach einigen Stunden Betriebs handschmeichlerisch warm. Denn für den Essener Entwickler steht fest, dass guter Klang mit erheblichem Stromfluss einhergeht. Da dieser die Bauteile relativ stark beanspruche, habe er bei ihrer Auswahl besonders auf Langzeitstabilität geachtet. Selbstverständlich seien die Schaltungen völlig diskret und strikt kanalgetrennt aufgebaut. Ein weiteres Credo Ra lf Koenens lautet, dass sich eine Komponente, die realistisch klingt, auch hervorragend misst, wohingegen gute Mess werte nicht zwingend auf besonderen Musikgenuss schließen ließen.

Anders als die meisten am Markt befindlichen Phonostufen entzerrt die von Progressive Audio das Signal rein passiv. Die Filter und die die Verstärkung bestimmenden Widerstände sind auf einem Steckmodul untergebracht, so dass es nach dem Öffnen des Gehäuses relativ einfach ist, die Eingangsempfindlichkeit den Erfordernissen des Systems entsprechend zu wählen. Musikhistorikern bietet Progressive Audio übrigens auch spezielle Filtereinschübe für unterschiedliche Entzerrungskurven an. Die Impedanz kann mittels den Eingängen parallelgeschalteten Widerstandsteckern zwischen drei Ohm und 50 Kiloohm variiert werden.

Und wie nicht anders zu ewarten, waren dem Phono l zwei Cinchstecker beigepackt, mit denen die von Jan Allaerts für das MC 2 Finish als zwingend vorgeschriebenen 845 Ohm zu erreichen sind. Ein Steckmodul für die höchstmögliche Empfindlichkeit fand sich ebenfalls im Päckchen aus dem Ruhrpott.
Allerdings habe ich das Allaertserst einmal mit der „normalen" Verstärkung ausprobiert - undwurde enttäuscht. Denn das Rauschen der Elektronik war - wie bei vielen anderen gutenEntzerrern - etwas lauter als das in der Rille gespeicherte. Ralf Koenen empfahl, das Filtermodul zu tauschen, denn bei der höheren Verstärkung nähmen zwar auch die Nebengeräusche zu, jedoch nur unterproportional, so dass sich insgesamt ein höherer Fremdspannungsabstand ergebe. So kam es denn auch: Bei der Vielzahl der Platten liegen die Abtastgeräusche nun klar über denen des Entzer rers. Nur bei ganz wenigen, extrem sauberen (Japan-)Pressungen ändert das bei angehobenem
Tonarm zu vernehmende Rauschen lediglich seine Farbe, sobald der Diaman
t mit der Leerrille in Kontakt kommt - Platte und Elektronik sind gleich laut. In punkto Signal-To-Noise kann sich der Progressive Audio Phono l also locker mit den besten mir bekannten Entzerrern messen.

Dass die Essener Phonostufe auch klanglich vorzüglich mit dem Allaerts MC 2 Finish harmoniert, dürfte nicht verwundern, wurde sie doch schon bei ihrer Entwicklung oft mit dem divenhaften Tonabnehmer konfrontiert. Ich könnte Ihnen im Folgenden von der stupenden Grob- und Feindynamik, den - auch im Bass - überreichen Klangfarben und der schier unbegrenzt erscheinenden Raumdarstellung dieser Kombination vorschwärmen. Doch das trüge wenig zur korrekten Einschätzung der Qualitäten des Phono l bei, denn mangels eines passenden Widerstandsmoduls für den FM 122fehlt mir jeglicher Fixpunkt für einen Vergleich. Außerdem sollte man den Progressive Audio nicht nur mit seinem
Lieblingsspielpartner hören. Also wandert das MC 2 wieder in seine Schatulle und das Steckmodul für die geringere Verstärkung zurück in den Phono l, denn nun gilt es, die deutlich stärkeren Signale des Clearaudio Insider aufzubereiten.
Und dabei macht der Progressive Audio eine ebenso gute Figur wie beim Allaerts: Er spielt tonal absolut stimmig, verschluckt kein noch so winziges Detail und vermittelt eine sehr konkrete Vorstellung vom Aufnahmeort. Es macht ihm nicht die geringste Mühe, den größten Pegelsprüngen des Insider zu folgen, und auch im Zeitbereich erlaubt er sich nicht den geringsten Fehler. Testplatte um Testplatte verschwindet wieder im Regal, ohne irgendeinen Anlass zur Kritik offenbart zu haben. Und an diesem überaus positiven Eindruck kann auch die Konfrontation mit dem FM 122 nichts ändern. Sie macht vielmehr klar, dass die Differenzen in der obersten Liga verschwindend gering sind. Insgesamt bildet der Phono l die Instrumente eine Spur größer ab als die No. 122. Da beide etwa ähnlich ausladende imaginäre Räume zeichnen, wirkt die Darstellung des Progressive Audio kompakter, griffiger und auch ein wenig näher.
Der FM scheint hingegen den einzelnen Musikern etwas mehr Platz auf der etwa gleich großen Bühne zu gewähren. Er tupft sein Klangbild in zarten Pastelltönen, während der Phono l zu satten Ölfarben greift - so könnte man formulieren, um die Unterschiede deutlich zu machen. Doch ginge dies an der Realität vorbei. Denn der Klang der beiden hochkarätigen Entzerrer weicht nur um Nuancen voneinander ab. Ohrenfällig ist aber, dass der FM Acoustic trotz eines annähernd gleichen Fremdspannungsabstands weniger Verstärkung bietet, sich also nicht ganz so vorbildlich leise verhält wie der Phono l.
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Kein Drumherumgerede: Meines Erachtens stellt der Phono l die allererste Wahl für das Jan Allaerts MC 2 Finish dar. Aber auch anderen Weltklasse-Tonabnehmern ist er ein adäquater Spielpartner. Er bietet die nötige Flexibilität zur Anpassung an nahezu alle am Markt befindlichen Systeme und klingt einfach bezaubernd. Progressive Audios erste Elektronikentwicklung reiht sich auf Anhieb unter das gerade einmal halbe Dutzend der besten Entzerrer-Vorverstärker ein.
Phonoentzerrer Progressive Audio Phono 1
Eingänge: .........................................1 x Cinch
Ausgänge: ........................................1 x Cinch
Besonderheit:......Verstärkung und Entzerrung
..................durch diverse Steckkarten wählbar
Maße (B/H/T):.............................19/12/26 cm
.......................................Netzteil 17/11/22 cm
Gewicht:................................................3,2 kg
.................................................Netzteil 2,5 kg
Garantiezeit: ..................................60 Monate
Dirk Sommer, Image-Hi Fi 33, Analog Spezial, (3/2000)